Wieso werden Schildkröten so unglaublich alt?

Schildkröten
Foto: tropicdreams/Shutterstock.com

Schildkröten und das hohe Alter: Welches Geheimnis steckt dahinter?

Bei Schildkröten kommt vielen Menschen ein langsames Reptil in den Sinn, das sich bei Gefahr in seinen Panzer zurückzieht und über Jahrhunderte altert. Schildkröten können je nach Art ein äußerst hohes Alter erreichen, zwischen 30 bis über 200 Jahre. Mehrere Theorien sollen das Altern von Schildkröten aus wissenschaftlicher Sicht erklären. Eines der bekanntesten Exemplare, deren Alter auf etwa 176 Jahre geschätzt wurde, war Harriet, eine Galápagos-Riesenschildkröte, die der Erzählung nach von Charles Darwin 1835 gefangen wurde.


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Langsames Wachstum

Eine der Hauptursachen der Lebenszeit der Kriechtiere ist der äußerst langsame Metabolismus oder Stoffwechsel, der bei allen Lebewesen vorkommt. Der Stoffwechsel beschreibt einen Vorgang im Organismus, der chemische Elemente innerhalb des Körpers in bestimmte Stoffe umwandelt, die den Körper erhalten. Der Stoffwechsel bestimmt den Wachstum des Lebewesens und das ist einer der Gründe, warum zum Beispiel Mäuse eine Lebenserwartung von etwa zwei Jahren haben und Elefanten von rund 60 Jahren. Wichtige Körperteile wie viele Muskeln oder der Panzer benötigen Jahre, bis sie komplett ausgereift. Je schneller das Herz schlägt, desto höher ist der Metabolismus und Schildkröten haben im Vergleich zu anderen Tieren einen ruhigen Puls, der durch ihre Lebensweise auf einem gleichen Level bleibt. Der Stoffwechsel bei Schildkröten bestimmt zudem die Geschlechtsreife, die nicht nach ab einem bestimmten Alter eintritt, sondern vom Gewicht des Tieres abhängig ist. So erreichen männliche Aldabra-Riesenschildkröten, zu denen einige der ältesten Schildkröten wie Jonathan gehören, geboren 1832 auf den Seychellen, ihre Geschlechtsreife erst mit rund 50 Jahren, da sie solange benötigen, bis sie ausgewachsen sind.

Im Vergleich dazu benötigen die Europäischen Landschildkröten nur ein Gewicht von 450 bis 1.000 Gramm, um geschlechtsreif zu werden. Riesenschildkröten wiegen von 50 bis 250 Kilogramm. Lederschildkröten können mehr als 500 Kilogramm wiegen, doch ist bei dieser Spezies das höchste Alter unbekannt. Im Bezug auf die Geschlechtsreife und den Metabolismus gilt demnach die Faustregel: Größere Schildkröten-Arten leben länger als Kleine. So bringt es die Ägyptische Landschildkröte, die zu den kleinsten Landschildkröten der Welt gehört, gerade einmal auf ein Alter von acht bis zehn Jahren. Dank ihres Stoffwechsels können Schildkröten lange Perioden ohne Wasser und Nahrung überleben, da ihr Körper aufgenommene Nahrung nur langsam verdaut und somit die Nährstoffe für eine längere Zeit ausreichen als beim Menschen. Der langsame Stoffwechsel ist ebenfalls verantwortlich für ihre Geschwindigkeit, da die nötige Energie für eine höhere Gesamtgeschwindigkeit nicht so schnell verarbeitet werden kann. Faultiere zum Beispiel funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Sie erreichen häufig Lebensspannen von über 30 Jahren in Gefangenschaft, da sie in der Wildnis zu vielen Feinden ausgesetzt sind.


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Die Ernährung ist essentiell

Neben dem Stoffwechsel ist die Ernährung ein essentieller Punkt der Lebensweise von Schildkröten. Sie unterscheidet sich von Art zu Art und umfasst Fleisch, Fisch, Insekten und Pflanzen. Viele Arten sind Allesfresser, doch ernähren sich Riesenschildkröten in einer vegetarischen Lebensweise, frei von Fett und Cholesterin, was ein hohes Alter fördert. Die Galápagos-Riesenschildkröte zum Beispiel frisst Gräser, Kräuter, Beeren, Flechten und selbst Kakteen, die sie dann über einen langen Zeitraum verdaut. Die Geschwindigkeit der Verdauung definiert einen Teil des Metabolismus, der den Wuchs des Tieres reguliert und in Kombination mit der Lebensweise dadurch ein hohes Alter ermöglicht.

Stressfreies Leben, kaum Fressfeinde

Der Lebensraum vieler Riesenschildkröten, ausgenommen Meeresschildkröten, ist häufig für viele Raubtiere ungeeignet. Harsche Wetterbedingungen, kaum Nahrung und abseits vom Festland bieten sie sich nicht als Jagdgrund an. Dazu kommt der Verteidigungsmechanismus der Reptilien, ihrem Panzer, der nur von wenigen Fleischfressern kein Hindernis darstellt. Ein Beispiel hierfür sind der Honigdachs, der mit seinem starken Kiefer den Panzer brechen kann, und manche Krokodil-Arten. Die Galápagos- und Aldabra-Riesenschildkröten jedoch werden so alt, weil sie solchen Gefahren nicht ausgesetzt sein und ein komplett stressfreies Leben führen, solange keine Menschen oder Naturkatastrophen den Lebensraum der Schildkröten in Gefahr bringen. Sind diese Möglichkeiten gegeben, kann die Schildkröte ein langes und ruhiges Leben führen. Ein weiterer Punkt ist die Reproduktion der Kriechtiere.

Dank ihrer „Rüstung“ sind sie selbst beim Geschlechtsverkehr vor Feinden geschützt und können dadurch eine hohe Quote von erfolgreichen Schwangerschaften vorweisen. Im Vergleich zu den ausgewachsenen Exemplaren leben die Jungtiere bis zu einem gewissen Punkt gefährlich, da ihr Panzer noch recht weich ist. Vögel und andere Raubtiere nutzen die ersten Monate der Jungtiere aus, um diese zu jagen. Für Wissenschaftler ist es schwer zu definieren, wie alt eine Schildkröte aus der Wildnis tatsächlich ist. Daher sind die ältesten Geschöpfe meist in Gefangenschaft zu finden, da sie dort von Menschen gepflegt werden und ein abgestimmtes Futter erhalten, das den Wachstum fördert. Zudem leiden diese Exemplare an weniger Krankheiten oder können besser versorgt werden, was die Lebensspanne erhöht.

Über Marvin 98 Artikel
Der Autor beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Haltung von Reptilien und schreibt darüber und zu zahlreichen Terraristik-Themen in diesem Blog. Marvin ist gelernter IT-Systemkaufmann und beruflich im Web tätig (web-malocher.de). Zu seinen Haustieren zählen neben den Zwerggeckos auch Leopardgeckos und ein Amerikanischer Collie.

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